
In unserem Arbeitsalltag begegnen uns inzwischen seltener Unternehmen, die bei ihrer Digitalisierungsstrategie noch ganz am Anfang stehen. Aber es gibt sie.
Neulich haben wir mit einem Unternehmen gesprochen. Das CRM? Im Grunde eine Excel-Datei. Verträge? Gehen per Post raus. Leichte Verlegenheit beim Thema Fax – die gesamte Runde musste unwillkürlich schmunzeln.
Im Gespräch kamen wir irgendwann auf die vorhandenen Kundendaten. Und plötzlich stand eine Frage im Raum, die in vielen Unternehmen längst selbstverständlich beantwortet wäre: Haben Sie eigentlich die E-Mail-Adressen Ihrer Kontakte?
Die Frage zeigt ziemlich gut, wie grundlegend die Ausgangslage sein kann, wenn ein Unternehmen bei der Digitalisierung tatsächlich noch am Anfang steht.
Nehmen wir nur die E-Mail-Adressen. Technisch ist es kein großes Kunststück, die Kommunikation auf E-Mail umzustellen. Aber sind die Adressen überhaupt vorhanden? Und selbst wenn: Darf die E-Mail-Adresse für die konkrete Vertragsabwicklung genutzt werden? Ist der Vertrag auf digitale Kommunikation ausgelegt? Welche datenschutzrechtlichen Anforderungen gelten?
Plötzlich berührt die vermeintlich einfache Frage „Können wir das nicht per E-Mail machen?“ Datenbestand und -qualität, Recht, Prozesse und Kundenkommunikation.
Typisch für Digitalisierung: Man zieht an einem Faden – und merkt schnell, was alles daran hängt. Und erstaunlich vieles davon hat zunächst wenig mit IT zu tun.
Und manchmal führt die Frage noch weiter. Bei einem anderen Kunden kamen wir von der Digitalisierung einer Dienstleistung ziemlich schnell zu der Frage, ob diese Leistung in ihrer heutigen Form überhaupt digitalisiert werden sollte. Denn einen wirtschaftlich fragwürdigen Ablauf zu digitalisieren, macht daraus noch kein gutes Geschäftsmodell.
Reine Digitalisierungsvorhaben greifen aus unserer Sicht oft zu kurz. Die entscheidenden Voraussetzungen liegen erstaunlich häufig außerhalb der IT – manchmal sogar im Geschäftsmodell selbst.
Am Anfang steht für uns deshalb das Businessdenken. Welche Leistungen sollen wachsen? Wo verlieren wir heute unnötig Zeit oder Geld? Entscheidend ist, was das Unternehmen in den nächsten Jahren erreichen will – und welchen Beitrag Digitalisierung dazu leisten kann.
Die Antworten darauf können unbequem werden. Vielleicht lässt sich ein gewachsener Prozess nicht sinnvoll digital nachbauen. Zuständigkeiten müssen neu gedacht, Mitarbeitende einbezogen oder eine bereits favorisierte Software wieder von der Liste gestrichen werden. Und da kommt die Transformationsbereitschaft ins Spiel.
Dafür braucht es ein gemeinsames Bild davon, wo das Unternehmen steht, wo es hinwill und was sich auf dem Weg verändern kann und soll.
Das nennen wir eine digitale Landkarte.
In den meisten Unternehmen ist erstaunlich viel Wissen vorhanden. Mitarbeitende können ziemlich schnell sagen, wo im Alltag Zeit verloren geht. Welche Excel-Datei längst zu wichtig geworden ist. Wo Informationen doppelt eingetragen werden. Und welcher Prozess offiziell ganz anders aussieht als in der Realität.
Die Geschäftsführung weiß, welche Bereiche wachsen sollen, wo Kosten zu hoch sind oder sich das Geschäftsmodell verändern muss. Die IT wiederum kennt Systeme, Schnittstellen, Datenbestände und technische Altlasten.
Jeder kennt einen anderen Ausschnitt. Solange diese Ausschnitte nicht zusammenkommen, ist die Frage „Wo sollen wir mit der Digitalisierung anfangen?“ erstaunlich schwer zu beantworten.
Kein Wunder also, dass viele Unternehmen einzelne Probleme lösen, wenn der Druck groß genug wird. Hier eine neue Software. Dort eine Excel-Datei, die einen manuellen Prozess etwas erträglicher macht.
So entstehen digitale Einzelmaßnahmen – aber noch keine digitale Strategie. Und irgendwann womöglich eine Systemlandschaft, in der jede Lösung für sich funktioniert, aber das Zusammenspiel immer aufwendiger wird.
Genau hier setzen wir mit einem Discovery Workshop an. Wer hätte es geahnt: Es geht zunächst tatsächlich um Discovery – ums Entdecken, Verstehen und Hinterfragen. Noch nicht um die Auswahl eines Tools und auch noch nicht um einen fertigen Projektplan.
Das Ziel ist eine erste digitale Landkarte des Unternehmens. Dafür bringen wir die unterschiedlichen Perspektiven zusammen und legen sie übereinander. Und genau dort wird es interessant.
Ein Geschäftsbereich soll stark wachsen. Klingt nach einer klaren Priorität – allerdings haben sich dort inoffizielle Prozesse eingeschlichen, die zur Wachstumsbremse werden könnten. Ein anderes Team wünscht sich dringend neue Software, sitzt aber ausgerechnet in einem Bereich, der in zwei Jahren strategisch ganz anders aussehen soll.
Der lauteste Schmerzpunkt hat eben nicht automatisch die höchste Priorität. Und ein strategisches Ziel rechtfertigt nicht jedes Mal gleich ein IT-Projekt.
Für dieses Gesamtbild schauen wir auf mehrere Ebenen gleichzeitig: auf Geschäftsmodell und Wertschöpfung, Prozesse, Daten, Systeme sowie Organisation und Wissen.
Dabei geht es nicht darum, fünf möglichst vollständige Inventarlisten anzulegen. Entscheidend sind die Zusammenhänge. Die Verbindungen sind die Landkarte.
Ein Kundenprozess hängt an einer Excel-Datei. Die Excel-Datei wird von einer Person gepflegt. Die darin enthaltenen Daten werden später noch einmal in ein anderes System übertragen. Dieses System wiederum ist Voraussetzung für einen nachgelagerten Prozess.
Deshalb kommt die Landkarte vor der Roadmap: Die Landkarte zeigt, was zusammenhängt. Die Roadmap entscheidet, was daraus folgt.
Auf dieser Grundlage lässt sich priorisieren: Was hat strategische Bedeutung? Wo ist der operative Druck hoch? Welche Voraussetzung muss geschaffen werden, bevor etwas anderes funktionieren kann?
Die Frage lautet jetzt nicht mehr: Was können wir als Erstes digitalisieren? Sondern: Welcher Schritt bringt das Unternehmen in die richtige Richtung – und macht die nächsten leichter?
Aus diesen Entscheidungen entsteht die Digitalisierungs-Roadmap.
Und die muss kein Drei-Jahres-Mammutprojekt sein. Im Gegenteil: Wenn die Richtung stimmt, kann man anschließend häppchenweise digitalisieren.
Wenn Digitalisierung lange liegen geblieben ist, wollen Organisationen häufig erst einmal intern aufräumen, bevor sie sich Unterstützung holen.
Wir würden es eher umgekehrt sehen. Ein Blick von außen kann gerade dann hilfreich sein, wenn intern längst zu viele Themen gleichzeitig auf dem Tisch liegen. Nicht, weil Externe das Unternehmen besser kennen. Das tun sie nicht.
Was von uns als Digitalisierungspartner dazukommt, sind ein methodischer Blick auf das Gesamtbild, Erfahrung aus anderen Digitalisierungsprojekten und die Freiheit, Fragen zu stellen, die intern vielleicht schon lange nicht mehr gestellt werden.
Das löst die typischen Hürden der Digitalisierung nicht einfach auf. Mehr Zeit hat man dadurch nicht und das Budget wächst auch nicht mit. Nur mit der Komplexität lässt sich anders umgehen. Aber auch sie bleibt, was sie ist.
Mit der Roadmap wird konkret, was in welcher Reihenfolge angegangen werden soll – und was das Unternehmen dafür ermöglichen muss: Zeit für die Umsetzung freimachen, andere Themen zurückstellen, Personal einstellen oder Verantwortlichkeiten verändern.
Das ist der eigentliche Anfang der Digitalisierung: Zeit, Geld und Komplexität nicht länger nur als Gründe zu sehen, warum ein Unternehmen nicht anfangen kann. Ausschlaggebend ist die bewusste Entscheidung, wofür das Unternehmen seine Ressourcen zuerst braucht – und was dafür an anderer Stelle warten muss. Damit geplante Veränderungen tatsächlich stattfinden können.