
Mittelstand und Verbände sind unser Alltag – wir bauen digitale Plattformen für genau diese Organisationen. Deshalb schauen wir uns regelmäßig an, wo beide bei der Digitalisierung tatsächlich stehen: nicht am Gefühl, sondern an den Zahlen. Digitalisierung wird gern als Wettrennen erzählt, bei dem die anderen längst um die Kurve sind. Ein Blick in aktuelle Erhebungen zeigt ein differenzierteres Bild.
Die deutschen Unternehmen geben ihrem Digitalisierungsgrad in der DIHK-Digitalisierungsumfrage 2026 im Durchschnitt die Note 2,8 – befriedigend. Befragt wurden 4.686 Unternehmen bundesweit. Gegenüber dem Vorjahr hat sich damit praktisch nichts verändert.
Eine gemeinsame Studie von KfW Research und ZEW Mannheim macht das an einer Zahl fest: dem digitalen Kapitalbestand eines Unternehmens. Datenbasis ist das KfW-Mittelstandspanel, eine jährliche Befragung des breiten deutschen Mittelstands mit Jahresumsatz bis 500 Millionen Euro. Berechnet wird der Bestand aus den jährlichen Digitalisierungsausgaben, preisbereinigt aufsummiert und abzüglich einer Abschreibung von durchschnittlich 31,5 Prozent pro Jahr. Die 25 Prozent der Unternehmen mit dem höchsten Bestand kommen im Schnitt auf 156.600 Euro. Bei den 50 Prozent mit dem niedrigsten Bestand liegt der Wert im Schnitt unter 50 Euro.
Warum sich dieser Bestand lohnt, zeigt ein zweiter Befund derselben Studie: Ein höherer digitaler Kapitalbestand geht mit einer höheren Produktivität einher. Liegt der Kapitalstock eines Unternehmens 10 Prozent höher, fällt die Produktivität im Schnitt um 0,159 Prozent höher aus – bei bereits stark digitalisierten Unternehmen liegt dieser Zusammenhang mit 0,808 Prozent deutlich darüber. Ob und in welchem Umfang die Digitalisierung diesen Effekt ursächlich auslöst, lässt sich aus einer solchen Korrelation nicht abschließend ableiten; belegt ist der Zusammenhang, kein Kausalitätsnachweis.
Diese Verteilung ist kein Naturzustand, sondern hat sich über die Jahre verschoben. Der Anteil kleiner Unternehmen mit unter 5 Beschäftigten an den gesamten Digitalisierungsausgaben des Mittelstands ist von 31 Prozent im Jahr 2016 auf aktuell 24 Prozent gesunken. Im selben Zeitraum ist der Anteil großer Mittelständler mit 50 und mehr Beschäftigten von 37 auf 41 Prozent gestiegen. Die Investitionskraft konzentriert sich also zunehmend dort, wo größere Organisationen ohnehin schon mehr digitalisieren.
Der Rückgang bei den Kleinen ist deshalb kein Beleg für fehlenden Willen oder fehlende Fähigkeit. Mit der Größe eines Unternehmens wachsen in der Regel auch die Zahl der Prozesse, Schnittstellen und beteiligten Systeme – und damit der Bedarf an Digitalisierung. Dass größere Mittelständler einen wachsenden Anteil der Digitalisierungsausgaben auf sich vereinen, ist vor diesem Hintergrund wenig überraschend.
Und obwohl der Bedarf mit der Unternehmensgröße wächst, zögern viele Unternehmen bei der eigenen Digitalisierungsstrategie. 58 Prozent nennen fehlende Zeit als Herausforderung, 56 Prozent die Komplexität und 40 Prozent die Kosten. Dahinter folgen Sicherheitsrisiken, rechtliche Unsicherheit sowie Akzeptanz und Weiterbildungsbedarf.
Auffällig ist der Kontrast zu den Erwartungen: 65 Prozent wollen Kosten sparen, 64 Prozent die Qualität verbessern, 63 Prozent flexibler arbeiten. Digitalisierung ist also kein Selbstzweck – das Ziel ist den meisten Unternehmen klar. Was fehlt, ist seltener die Motivation als der erste konkrete Schritt: Zeitmangel und Komplexität sind keine grundsätzliche Ablehnung, sondern praktische Hürden, die sich mit der richtigen Herangehensweise auflösen lassen. Genau das haben wir im Beitrag „Digitalisierung verpasst – wo fängt man an?“ beschrieben.
Wie schnell sich die Werkzeuge dabei verändern, zeigt eine aktuelle Bitkom-Erhebung vom September 2026: 57 Prozent der Unternehmen ab 20 Beschäftigten nutzen inzwischen KI, vor einem Jahr waren es 36 Prozent, vor zwei Jahren 20 Prozent. Trotzdem sehen sich die Unternehmen beim KI-Einsatz noch am Anfang: Kein befragtes Unternehmen gibt an, das Potenzial von KI bereits vollständig auszuschöpfen.
Der Einstieg in generative KI ist bei vielen Anwendungen niedrigschwelliger als bei klassischen Digitalisierungsprojekten. Ein Account ist schnell angelegt, erste Ergebnisse sind unmittelbar sichtbar. Die organisatorischen Fragen kommen damit aber nicht automatisch zuerst – häufig folgen sie erst nach dem Einstieg: Wer verantwortet die Ergebnisse? Welche Daten dürfen genutzt werden? Und wie wird aus punktueller Nutzung ein sinnvoller Bestandteil bestehender Abläufe?
Am Beispiel der Softwareentwicklung zeigt sich das besonders deutlich: KI baut schneller, ersetzt aber keine der Entscheidungen, die vorher getroffen werden müssen.
Auch bei Verbänden ist das Thema KI angekommen: In der Verbändeumfrage 2026 steht Digitalisierung, KI und neue Technologien ganz oben auf der Agenda. Die aktuelle Umfrage des Deutschen Verbände Forums formuliert einen der fünf großen Widersprüche der Branche als „Digitalisierung vor Struktur": Verbände investieren in Technologien, aber zu wenig in die Organisation dahinter.
Die Umfrage liefert dazu auch Zahlen: Auf einer Skala von 0 bis 10 kommt Digitalisierung bei der Relevanz auf 7,6 Punkte und beim Handlungsdruck im eigenen Verband auf 7,2. Strukturen, Prozesse und Governance zu modernisieren liegt dagegen nur bei 5,3 beziehungsweise 4,7.
Wenn nicht geklärt ist, wer einen Prozess verantwortet, welche Informationen benötigt werden oder wie Haupt- und Ehrenamt zusammenarbeiten, bildet eine neue Software diese Unklarheiten im Zweifel nur digital ab. Wie schnell daraus Tool-Wildwuchs im Verband entstehen kann, haben wir an anderer Stelle ausführlicher beschrieben.
Bei dienstleistungs- und serviceorientierten Organisationen zeigt sich ein verwandtes Muster ganz praktisch: Adressänderungen, Rechnungskopien, Bescheinigungen oder Zertifikatsanfragen landen oft bei denselben wenigen Personen in der Geschäftsstelle – Anfragen, die sich über ein Self-Service-Kundenportal lösen ließen, ohne dass jede einzelne manuell bearbeitet werden muss.
Hinzu kommt, dass Digitalisierung in Verbänden nicht an der Geschäftsstelle endet. Untersuchungen des Leibniz-Instituts für Raumbezogene Sozialforschung zum freiwilligen Engagement zeigen: Einem Viertel der befragten Organisationen fehlen eigenen Angaben zufolge Wissen und Kompetenzen zum Thema Digitalisierung. Technik bereitzustellen heißt noch nicht, dass sie im Alltag sinnvoll genutzt wird. Wie eine Newsletter-Plattform für dezentrale Organisationen genau darauf Rücksicht nehmen kann – niedrigschwellig genug für tausende ehrenamtliche Nutzer:innen unterschiedlichster technischer Kenntnisse –, zeigt ein Case aus der politischen Praxis.
Mittelstand und Verbände haben unterschiedliche Ausgangslagen. Gemeinsam ist den Befunden vor allem eines: Technologie allein entscheidet nicht darüber, ob Digitalisierung etwas verbessert. Entscheidend bleibt, welches Problem damit tatsächlich gelöst wird. Das kann Effizienz sein, aber genauso bessere Services, mehr Reichweite, höhere Qualität oder neue Mitglieder. Erst daraus ergibt sich, welche Prozesse, Strukturen oder Technologien als Nächstes verändert werden sollten.
Wer bei der Digitalisierung das Gefühl hat, spät dran zu sein, braucht deshalb nicht mehr Tempo, sondern zuerst einen klaren Blick darauf, wo die Organisation heute steht und welche nächste Etappe tatsächlich etwas verändert.
Wie man diesen Anfang konkret findet, zeigen wir im Beitrag Digitalisierung verpasst – wo fängt man an?