Auf den ersten Blick wirkt es widersprüchlich: escape entwickelt digitale Geschäftsmodelle, Commerce-Plattformen und komplexe Systemlandschaften für Verbände, Hochschulen und B2B-Kunden. Gleichzeitig betreibt das Unternehmen mit FORMOST einen eigenen Designhandel – mit einem Ladengeschäft in den Berliner Hackeschen Höfen und einem Onlineshop. Warum entscheidet sich eine Digitalagentur bewusst dafür, selbst unternehmerische Verantwortung im Handel zu übernehmen? Darüber sprechen wir mit escape-Geschäftsführer Christian Allihn.
2007
Ladeneröffnung Schwerin
2016
vollständige Übernahme durch escape GmbH
Standorte
Berlin, Hackesche Höfe (seit 2018), zuvor Schwerin (2007–2023)
Christian, escape entwickelt digitale Plattformen für komplexe Organisationen. Seid ihr irgendwann im Einzelhandel falsch abgebogen?
(lacht) Nein, ganz im Gegenteil. Das war eine bewusste Entscheidung. Wir wollten Commerce verstehen – nicht nur darüber sprechen.
Irgendwann haben wir uns selbst gefragt: Wie gut versteht man Commerce eigentlich, wenn man ihn ausschließlich aus Projekten kennt? Projekte haben einen Anfang und ein Ende. Handel funktioniert anders – dort geht es jeden Tag weiter, mit neuen Lieferungen, Retouren, Beständen, Produktdaten, Kundenanfragen.
Im Meetingraum entstehen keine Commerce-Lösungen. Sie entstehen dort, wo Prozesse jeden Tag funktionieren müssen.
Wie kam es dazu, dass aus einem Projekt ein ganzes Unternehmen wurde?
Unsere Geschichte mit FORMOST begann 2015 – zunächst als Digitalprojekt für ein wirtschaftlich angeschlagenes Unternehmen: Der eingeführte Shop funktionierte nicht wie gewünscht, die Warenwirtschaft bestand aus Excel-Listen. 2016 haben wir die Verantwortung für das gesamte Unternehmen übernommen. Mit der Eröffnung des Berliner Standorts 2018 haben wir diesen Weg konsequent zu Ende gegangen: Stationärer Handel und Onlineshop sollten nicht nebeneinander existieren, sondern als ein gemeinsames System funktionieren.
Uns war schnell klar: Es würde nicht reichen, einen neuen Shop zu bauen. Wir mussten das gesamte Geschäftsmodell digital denken – von den Produktdaten über die Warenwirtschaft bis zu Lager, Versand und Content.

Warum ausgerechnet FORMOST? Es hätte ja auch jedes andere Handelsunternehmen sein können.
Nein, genau das hätte es nicht. FORMOST ist kein beliebiger Händler. Hinter dem Unternehmen steckt eine außergewöhnliche Geschichte und eine klare Haltung zur Gestaltung und zur „Guten Ware“. Ich kenne den Gründer Matthias Kanter seit vielen Jahren und habe großen Respekt vor dem, was er aufgebaut hat. Als sich die Möglichkeit ergab, FORMOST weiterzuführen, war das deshalb mehr als eine wirtschaftliche Entscheidung.
Für uns war entscheidend, dass wir ein Unternehmen übernehmen konnten, dessen Werte wir teilen. Dass wir dadurch gleichzeitig Commerce aus eigener unternehmerischer Erfahrung verstehen konnten, war eine einmalige Chance.
Mehr zur Geschichte von FORMOST: „Vom Museumsshop zum Handelsunternehmen“

Gab es einen Moment, in dem ihr dachtet: Jetzt verstehen wir unsere Kunden besser?
Ja. Immer dann, wenn aus einer vermeintlich kleinen Änderung plötzlich ein unternehmensweites Thema wird. Wenn eine verspätete Lieferung nicht nur den Verkauf betrifft, sondern auch den Newsletter, die Produktdaten, den Kundenservice und den Lagerbestand. Solche Zusammenhänge versteht man erst wirklich, wenn man sie selbst erlebt.
Wir beraten seit vielen Jahren Unternehmen bei digitalen Geschäftsmodellen. Dabei entstehen zwangsläufig Annahmen darüber, wie Prozesse funktionieren sollten. Mit FORMOST können wir diese Annahmen täglich an der Realität messen – und wir beraten heute anders, weil wir die Konsequenzen unserer Empfehlungen selbst erleben.
Gleichzeitig wissen wir: FORMOST steht nicht stellvertretend für alle Handelsunternehmen. Jeder Markt hat eigene Anforderungen. Aber wir kennen die Mechanismen des Handels heute aus eigener Erfahrung.
Ist FORMOST für euch ein Experiment?
Nein. FORMOST ist ein eigenständiges Unternehmen mit einer eigenen Geschichte, einer klaren Haltung und einer treuen Kundschaft. Unser Ziel war nie, einen Showroom für Technologien aufzubauen. FORMOST soll wirtschaftlich erfolgreich sein und seiner eigenen Philosophie treu bleiben.
Christian, was übernehmt ihr als Nächstes – einen Konferenzveranstalter?
(lacht) Hoffentlich nicht.
FORMOST war nie der Beginn einer Einkaufstour. Uns ging es nicht darum, Unternehmen zu sammeln, sondern darum, Commerce wirklich zu verstehen. Dafür müssen wir heute keine weiteren Unternehmen übernehmen – wir haben ein Team mit unterschiedlichen Perspektiven, das uns hilft, verschiedenste Branchen zu durchdringen.
Unser Ziel ist nicht, weitere Unternehmen zu übernehmen. Es geht darum, dass FORMOST erfolgreich bleibt – und unsere Kunden von den Erfahrungen profitieren, die wir dort jeden Tag sammeln.
Christian, vielen Dank für das Gespräch!